Die Hofkapelle

Eine allgemeingültige Beschreibung schwarzwälder Hofkapellen ist in der schon zitierten Literaturquelle wiedergegeben. Bei sehr vielen Höfen im Hochschwarzwald sind noch heute Kapellen in unterschiedlicher Größe und Ausstattung zu finden. Denn

„ebenso wichtig, wie die materiellen Notwendigkeiten, waren dem Wäldler die religiösen Bedürfnisse. Neben dem Speicher baute er eine Kapelle. Die Hofkapellen, wiederum eine Eigentümlichkeit der Schwarzwaldhöfe, sind Schöpfungen der Barockzeit, wie ihre Ausstattung verrät, und damit rührende Zeichen der Volksfrömmigkeit jener Tage. Die Glocken auf ihren Türmchen rufen die Hofleute vom Feld zum Essen und zu bestimmten Tageszeiten zum Gebet. Die Hofkapellen sind nicht geweiht und damit im kirchlichen Sinne nur Andachtsräume, in denen sich die Hoffamilie bei Familienfesten und an Allerseelen zum Gebet vereinigt.“

Aus dieser Beschreibung wird deutlich, dass die Hofkapelle und der Speicher zwei Gebäude waren, die üblicherweise nebeneinander erbaut wurden. Diese bauliche Anordnung, die noch heute bei vielen älteren Höfen zu beobachten ist, hatte sicherlich religiöse Motive. In der räumlichen Nähe der im Speicher gelagerten (früher im wahrsten Wortsinn lebensnotwendigen) Vorräte zur Hofkapelle sah man einen zusätzlichen Schutz vor Vernichtung oder Verderbnis der Frucht. Ein solcher Fruchtspeicher hat früher auch zum „Ebenemooshof“ gehört. Er stand – wie der ältesten Bannkarte von Schwärzenbach (FF Archiv), die aus den Jahren zwischen 1780 und 1790 stammt, zu entnehmen ist – neben dem Leibgeding zum Hofgebäude hin. Er ist in den Hofübergabeverträgen seit 1636 jeweils als eines der Hofgebäude genannt und erscheint letztmals im Kaufbrief des Jahres 1851. Die schwarzwälder Hofspeicher waren ganz aus Holz gezimmert und das Satteldach mit Schindeln gedeckt. Er hatte – je nach der Größe des Hofes – eine Tiefe von etwa 7 – 8 m und eine Breite von etwa 6 – 7 m. In den Kornkästen des Speichers lagerten drei Ernten, so dass der Bestand des Hofes im Fall eines Brandes oder einer Missernte sichergestellt war.

Wenn Schilli feststellt, dass die schwarzwälder Hofkapellen nicht geweiht und nur Andachtsräume sind, so traf dies sicher auch auf die frühere „Ebenemooskapelle“ zu. Sie besitzt aber – wie später noch zu beschreiben sein wird – seit geraumer Zeit den kirchenrechtlichen Status einer geweihten Kirche. Wann die erste „Ebenemooskapelle“ erbaut wurde, lässt sich nicht mehr genau bestimmen. Sie ist nur im Kaufbrief des Jahres 1851 erwähnt; im nächst älteren Hofübergabevertrag von 1814, sowie in den zeitlich davor liegenden, ist eine Kapelle nicht aufgeführt. Da aber in den Jahren 1859/60 die heutige Kapelle als Ersatzbau entstand, darf angenommen werden, dass die alte Kapelle schon einige Jahrzehnte bestand.

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Abbildung 7 Altarbild in der „Ebenemooshofkapelle“, gemalt von Nikolaus Ganter

Würde man aber die fehlende Nennung der alten Kapelle im Hofübergabevertrag von 1814 dahingehend auslegen, dass ihre Erbauung erst nach diesem Zeitpunkt anzunehmen sei, so unterläge man einem zwar naheliegenden, doch beweisbaren Irrtum. Denn der damalige Hofbauer Mathias ließ im Jahr 1804 eine Glocke gießen, die die alte Hofkapelle geschmückt hatte. Üblicherweise wurde eine Glocke kurze Zeit nach der Erbauung einer Kapelle gestiftet, so dass für die Entstehung der alten „Ebenemooshofkapelle“ die Zeit um das Jahr 1800 anzunehmen ist. Davor war wahrscheinlich kein solches Bauwerk vorhanden, denn in der bereits genannten Bannkarte aus den Jahren zwischen 1780 und 1790 ist auf dem „Ebenemoos“ keine Kapelle eingezeichnet.

Die heutige Kapelle wurde 1861 geweiht. Auf ihre Entstehungsgeschichte wird bei der Beschreibung des Lebens ihres Erbauers Vinzenz noch ausführlich eingegangen. Das Altarbild in der Kapelle sowie die 14 Stationsbilder des Kreuzweges stammen aus der Hand des Malers Nikolaus Ganter. Er war der Sohn eines Schmiedes aus Eisenbach und Bruder des Malers Dionys Ganter. Er arbeitete zunächst als Schildmaler, soll sich dann später in Düsseldorf zum Kunstmaler weitergebildet haben.

Im Handbuch des Erzbistums Freiburg  ist die „Ebenemooshofkapelle“ als einziges Gotteshaus der „Filialgemeinde Schwärzenbach“ genannt: „Kapelle: St. Wendelini, beim Ebenemoos-Hof, Privateigen-tum, ohne Sanctissimum, Gottesdienst auf Verlangen.“ St. Wendelin gilt als Patron der Bauern, Hirten, Landleute; für Flur und Vieh (gegen Viehseuchen). Der St. Wendelinstag ist der 20. Oktober.

Abbildung 8
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Blick in die „Ebenemooshof-Kapelle“

In der Kapelle finden alljährlich die schon traditionellen „Ausfahr- und Einfahrmessen“ statt; dies sind Bittgottesdienste zu den Zeiten, an denen im Frühjahr das Vieh auf die Weiden gelassen wird und im Herbst, wenn es wieder in die Stallungen getrieben wird. Die Maiandacht in der „Ebenemooshofkapel-le“ gehört ebenso zum alljährlichen Brauch wie einige, zeitlich unregelmäßig stattfindende Gottesdienste, z.B. für die Landjugend und für das früher alljährlich auf dem „Ebenemooshof“ abgehaltene Zeltlager einer Jugendgruppe. Wenn sich der Sohn des „Alt-Rüttibauern“, der Ettenheimer Stadtpfarrer Kleiser, in Schwärzenbach aufhält, zelebriert er gelegentlich eine Messe in der Kapelle für die Bewoh-ner seiner Heimatgemeinde. Die Maiandachten wurden schon in manchen Jahren von der erwähnten Chorgemeinschaft musikalisch umrahmt; nach dem Gottesdienst geben die Sänger vor der Kapelle oder vor dem Hof noch ein Ständchen.

Die Messen, bei denen oft der Sohn des heutigen Hofbauern, Martin, ministriert und eine der Töchter als Vorbeterin fungiert, werden seit der Kapellengründung vom jeweiligen Pfarrer aus Friedenweiler, seit 1963 von Pfarrer Lederer, abgehalten. Nachbar und andere Einwohner von Schwärzenbach neh-men regelmäßig die Gelegenheit war, an den Gottesdiensten in der St. Wendelinskapelle des „Ebenemooshofes“ teilzunehmen. Sie bietet auf den einfachen, aber geschmackvoll gezimmerten zwölf Bankreihen im Erdgeschoss etwa 50 Personen Platz, weitere 25 Personen können dem Gottesdienst auf den sechs Bankreihen des Chors beiwohnen. An manchen Festtagen finden weitere Personen Stehplätze, so dass in der „Ebenemooshofkapelle“ insgesamt mit annähernd einhundert Gläubigen der Gottesdienst abgehalten werden kann.

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Kapelle von der Süd-Ost-Seite

Die Erklärung von Vinzenz Tritschler in seinem Bittgesuch des Jahres 1861 , den „Geistlichen in Friedenweiler mit seinem Fuhrwerk zum Gottesdienst abzuholen“, gilt für die heutigen Hofleute noch als selbstverständliche Verpflichtung. Er wird meistens von einer der Töchter des Hofbauern mit dem Auto abgeholt und wieder nach Friedenweiler zurückgebracht. Die im Beschluss des Erzbischöflichen Ordinariats von 1861 genannte Auflage, dem Pfarrgeistlichen eine „angemessene Honorierung“ zu gewähren, ist – jedenfalls heute – nicht als finanzielle Leistungsverpflichtung zu verstehen. Sie besteht regelmäßig in einem gemeinsamen Essen nach dem Gottesdienst auf dem Hof, dem sich meist bei ei-ner Flasche guten Weins noch ein angeregtes Gespräch zwischen den Hofleuten und dem Pfarrer anschließt. Die Auflage im Beschluss von 1861, „die nöthigen Utensilien und Paramente zu beschaffen“ findet ebenfalls bis heute Beachtung. Die Hofbäuerin legt großen Wert darauf, dass die auf dem Hof vorhandenen liturgischen Gegenstände und Gewänder erhalten werden und in einem würdigen Zustand beim Gottesdienst Verwendung finden können.

Ein sichtbares Zeichen für das Weiterleben des Gründergeistes des Erbauers der Kapelle sind die schönen bleiverglasten Fenster. Während Vinzenz mit dem Bau der Kapelle ein persönliches Gelübde erfüllte, war das Schicksal der Hofbauernfamilie im 1. Weltkrieg der äußere Anlass für die Stiftung von fünf Kapellenfenstern, die wahrscheinlich anstelle einfacherer Glasfenster eingebaut wurden. Die Freiburger Glasmalerei Protz & Ehret erhielt 1917 den Auftrag, diese Fenster nach den Vorstellungen des damaligen Hofbauern Johann zu entwerfen und anzufertigen. Weitere Stifter waren die Söhne des Bauern, Johann Baptist, Josef und Karl Borromäus.

Die Fenster, die der Kapelle einen feierlichen Glanz verleihen, stellen sich dem Betrachter als bunte Lichtquellen und – für eine Hofkapelle – seltene Kunstwerke dar. Ihre fotographische Darstellung im Schwarz-Weiß-Druck auf den folgenden Seiten vermittelt nur einen blassen Eindruck von ihrer Farbenpracht:

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 Abbildung 10b

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Abblidung 11b

Abbildung 10
Kapellenfenster, rechte Seite

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Kapellenfenster, linke Seite


Die Einrichtung des Dachgeschosses der Kapelle bzw. seine Nutzungsmöglichkeit zeigt, dass Vinzenz trotz der Auflagen des Erzbischöflichen Ordinariats eine Lagermöglichkeit für die Kornfrucht in der Kapelle vorgesehen hat. Da im Rahmen der Baumaßnahmen der Jahre 1859 –1861 und später kein neuer Fruchtspeicher entstanden ist, darf angenommen werden, dass das Dachgeschoss der Kapelle auch noch einige Jahrzehnte dem „profanen Zweck“ gewidmet wurde. Es ist allerdings zu bemerken, dass der ursprüngliche Bauplan als eigentlichen Andachtsraum lediglich das „Erdgeschoss“ der Kapelle vorsah und im „1. Obergeschoss“, also auf der Höhe des Chores, bereits der Fruchtspeicher beginnen sollte. Denn dieser Raum, der so zu gewinnen gewesen wäre, hätte ungefähr den Ausmaßen eines sonst üblichen, freistehenden Fruchtspeichers entsprochen.

Der tatsächlich entstandene Fruchtspeicher unter dem Dach der Kapelle ist aber zwangsläufig wesentlich kleiner ausgefallen. Die „profane Nutzung“ war auch durch das abgetrennte Treppenhaus nicht geeignet, den religiösen Zweck des Gebäudes zu beeinträchtigen oder gar zu stören.

Da das Dachgeschoss der Kapelle seit langer Zeit nicht mehr genutzt wird bzw. zu werden braucht, erinnern die wenigen hölzernen Fruchtkästen heute nur noch an einen kleinen Ungehorsam seines Erbauers, dem nach dem heutigen Verständnis katholischer Religionsausübung und angesichts der würdigen Stätte ländlicher Religiosität eher zustimmendes Verständnis entgegenzubringen ist.

Die klimatischen Einflüsse machen es etwa alle 30 Jahre erforderlich, die Hofkapelle des „Ebenemooshofes“ zu renovieren. Die erste bekannte, umfassende Renovierung erfolgte in den Jahren 1919/20, mit der hauptsächlich der Meersburger Kirchenmaler Karl Strommayer beauftragt wurde. Im Oktober und November 1919 malte er „ein Deckenbild als Ölgemälde“, die Wände strich er mit Leim-farbe. Unter dem 2. Februar 1920 stellte er seine weiteren Arbeiten in Rechnung: „Altar 2 mal gestrichen, marmoriert, gemalt und vergoldet, versch. Figuren, Rosetten von Bildhauer Rogg, 45 Ring-schrauben, Gerüststellung für Stationen“. Der Schreinerbetrieb Manz & Ritter berechnete die Anfertigung von „14 Rahmen z. Stationen“ sowie „54 Stund in der Kirche und 15 Stund am Tisch“.

Auch die Renovierungsarbeiten des Jahres 1951 wurden von dem Kirchenmaler Strommayer ausge-führt. Die bislang gründlichste Renovierung erfuhr die Kapelle durch den Neustadter Dipl.-Malermeister Paul Tscholl. Aus seiner Hand stammt auch die Erneuerung des Außenbildes:

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Abbildung 12 Außenbildnis an der Kapelle